Skip to content

Latest commit

 

History

History
192 lines (112 loc) · 10.4 KB

File metadata and controls

192 lines (112 loc) · 10.4 KB

Stil-Checkliste für deutsche Texte (Ebene 3: Mechanik)

Konsolidiert aus zwei Quellen. Erstens eigenen Ausdrucksregeln. Zweitens den brauchbaren Mustern aus dem Humanizer-Skill, der auf Wikipedias "Signs of AI writing" beruht. Englischspezifische Muster sind weggelassen oder übersetzt.

Reihenfolge nach Häufigkeit der Fehler, nicht nach Wichtigkeit.

Herkunft und Geltungsbereich

Diese Liste steht in der Tradition der deutschen praktischen Stillehre (Reiners, Schneider). Zwei Dinge gehören dazu gesagt, weil sie den Geltungsbereich bestimmen.

Die Sprachwissenschaft ordnet diese Gattung den Laien-Linguisten zu, mit dem Hauptvorwurf der Kontextvergessenheit: Die Regeln ignorieren Zweck und Zielgruppe und werden von stilistisch gelungenen Gegenbeispielen widerlegt. Und Ludwig Reiners hat 1944 systematisch aus der Stilkunst des jüdischen Philologen Eduard Engel übernommen und dessen Spuren getilgt (Reuschel); nachfolgende Ratgeber tradieren Engel unwissentlich weiter.

Daraus folgt kein Verwerfen, sondern eine Markierung. Diese Regeln sind nicht falsch, sie sind unmarkiert. Sie kodieren das aptum einer bestimmten Konstellation: Sachtext für ein breites Publikum, mit Klarheit als oberstem Zweck. Dort sind sie teilweise empirisch gedeckt. Falsch werden sie als Universalien. Jeder Abschnitt trägt deshalb eine Geltungszeile.

Ein Warnsignal in dieselbe Richtung: Formelgerechtes Kürzen verschlechtert die Verständlichkeit, weil das Zerlegen langer Sätze genau die Konnektoren entfernt, die die Kausalstruktur tragen (Davison/Kantor). "Satzlänge variieren" ist richtig, "kurze Sätze sind gut" wäre falsch.


1. Interpunktion und Satzbau

Geltung: alle Profile.

Keine Gedankenstriche als Stilmittel. Statt eines Einschubs mit Gedankenstrich nimm Punkt, Komma oder Klammer. Im Zweifel zwei Sätze.

  • Falsch: "Die KI-Verordnung greift ab August, unabhängig vom Omnibus, der nur die Fristen verschiebt."
  • Richtig: "Die KI-Verordnung greift ab August. Der Omnibus verschiebt nur die Fristen."

Satzlänge variieren. Kurze Sätze sind erlaubt und gut. Auf einen langen Satz darf ein Dreiwortsatz folgen. Gleichförmige Mittellänge über fünf Sätze ist ein Warnzeichen.

Aktiv statt Passiv. Verben statt Substantivierungen.

  • Falsch: "Die Einordnung jedes Systems wird zur ersten Aufgabe."
  • Richtig: "Jedes System einzeln einzuordnen kostet die meiste Zeit."

2. Verbotene Phrasen und Konstruktionen

Geltung: alle Profile.

Diese Wendungen nie verwenden:

  • "nicht nur ... sondern auch"
  • "Egal ob ... oder ..."
  • "in der heutigen Zeit", "im digitalen Zeitalter"
  • "Es ist wichtig zu beachten", "Es ist erwähnenswert"
  • "Zusammenfassend", "Insgesamt", "letztendlich", "im Kern"
  • "X ist mehr als nur Y"
  • Rhetorische Fragen als Aufhänger ("Was bedeutet das für Sie?")

Negative Parallelismen und nachgestellte Verneinungen. Den Punkt direkt behaupten.

  • Falsch: "Es geht nicht um Autocomplete, es geht um Kreativität."
  • Falsch: "Schnell aufgesetzt, ohne Rätselraten."
  • Richtig: "Das Werkzeug beschleunigt die Routinearbeit."

3. Keine Meta-Kommentare über das eigene Urteilen

Geltung: alle Profile außer Erzählprofil, wo eine erzählende Instanz zulässig ist.

Einschätzungen direkt behaupten. Einschränkungen ohne Vorrede nennen.

  • Falsch: "Man muss ehrlich sagen, die Lernkurve ist steil."
  • Richtig: "Die Lernkurve ist steil."

Konversationelle Pseudo-Offenheit. Kein "Ehrlich gesagt? Es kommt darauf an." Die Bedingung direkt nennen.

Sycophantische Eröffnungen. Kein "Gute Frage", kein "Da haben Sie völlig recht".

Signposting. Nicht ankündigen, was kommt. Mit dem Inhalt beginnen.

  • Falsch: "Schauen wir uns das genauer an. Folgendes sollten Sie wissen."
  • Richtig: Direkt der erste Sachpunkt.

4. Schwierigkeit zeigen, nicht beteuern

Geltung: alle Profile.

Nie behaupten, dass eine Schwierigkeit existiert, echt oder ernst zu nehmen ist. Stattdessen konkret beschreiben, woran es hakt: was genau, für wen, woran man zuerst scheitert.

  • Falsch: "Die Einstiegshürde ist real." / "Das sollte man nicht unterschätzen."
  • Richtig: "Ohne Docker-Erfahrung scheitert schon die Installation."

5. Schlusssätze

Geltung: alle Profile. Im Erzählprofil zusätzlich: Der Schluss greift die Eingangsszene wieder auf.

Kein formelhafter Schluss nach dem Muster "Wer X sucht, findet in Y eine solide Option". Die Wörter "solide", "ernsthaft", "praktikabel" nicht als Pauschalurteil.

Kein generischer Ausblick: "Die Zukunft sieht vielversprechend aus", "Spannende Zeiten liegen vor uns".

Enden mit einem konkreten Unterscheidungsmerkmal oder einer klaren Wenn-dann-Empfehlung.

  • Falsch: "Wer KI-Compliance ernst nimmt, findet hier einen praktikablen Ansatz."
  • Richtig: "Wenn das DORA-Register schon steht, dockt die KI-Einstufung dort an. Wenn nicht, baust du zwei Verzeichnisse parallel."

6. Dreierketten und Aufzählungen

Geltung: alle Profile.

Keine Dreierketten als Füllmuster. "schnell, einfach und sicher" sagt nichts.

  • Erlaubt ist eine Aufzählung, wenn jedes Glied einen eigenen Informationswert trägt und konkret ist.
  • Richtig: Wenn die drei Dinge wirklich gemeint sind, in einem Satz mit Funktion, oder als echte Liste mit je einer Erklärung.

Falsche Spannweiten: "vom Vertrieb bis zur Schadenregulierung" nur, wenn das Spektrum gemeint ist, nicht als Floskel.


7. Wortwahl

Geltung: alle Profile. Im Erzählprofil ist bildliche Sprache zulässig, siehe Abschnitt 11.

Kein Marketing-Vokabular ohne Beleg im selben Satz: "nahtlos", "leistungsstark", "revolutionär", "mächtig", "robust", "intuitiv", "bahnbrechend".

  • Erlaubt nur mit konkretem Beleg: "robust gegen Lastspitzen, getestet bei 10.000 parallelen Anfragen".

Keine Pressetext-Sprache. Schreiben, was ein Tool ist und kann, nicht wie es sich "positioniert", "versteht" oder "präsentiert".

KI-Vokabular vermeiden: "zudem", "darüber hinaus", "Landschaft" (im übertragenen Sinn), "Zeugnis", "unterstreichen", "hervorheben" als Füllverben.

Vage Zuschreibungen. Keine "Experten sagen", "Beobachter merken an" ohne Quelle. Stattdessen die konkrete Quelle als Hyperlink.

Bedeutungs-Aufblähung: kein "markiert einen Wendepunkt", "ein Meilenstein in der Entwicklung von".

Synonym-Karussell. Denselben Begriff ruhig wiederholen, statt zwanghaft zu variieren.


8. Füllwörter und Hedging

Geltung: alle Profile.

Füllphrasen kürzen: "um zu" statt "um ... zu können", "weil" statt "aufgrund der Tatsache, dass".

Hedging reduzieren. Nicht "könnte unter Umständen möglicherweise". Eine Abstufung reicht: "kann", "dürfte".


9. Formatierung

Geltung: abhängig vom Kanal aus Phase 0.

Fettungen sparsam. Nicht jeden Fachbegriff fett. Fett nur für echte Gliederungsanker.

Keine Inline-Header-Listen als Ersatz für Prosa: "Geschwindigkeit: Die Generierung ist schneller." Entweder echte Prosa oder echte Liste.

Keine fragmentierten Header. Wenn die Überschrift "Performance" lautet, nicht im ersten Satz "Geschwindigkeit zählt" als Echo nachschieben.

Keine Emojis in Fachtexten.

Keine manufakturierte Staccato-Dramatik: "Kein Vorwissen. Keine Annahme. Keine Nostalgie." Varianz in der Satzlänge ersetzt das.


10. Quellen

Geltung: alle Profile.

Quellen immer als klickbare Hyperlinks einbetten, nie als Klartext-Referenz.


11. Exponierte Stellen

Geltung: alle Profile. Läuft nicht über alle Sätze.

Der Fehlertyp, den die Abschnitte 1 bis 10 nicht finden: ein Satz, der jede Regel einhält und trotzdem eine Schablone ist. Beispiel: "Der Rückstand ist messbar. Die Aufholjagd beginnt in einer Garage."

Prüfumfang. Nur Titel, Teaser, Zwischenüberschriften, letzter Satz jedes Absatzes, letzter Satz des Textes. Mitten im Absatz ist ein symmetrischer Satz Prosa, an diesen Stellen ist er eine Schablone. Ohne diesen Positionsfilter erzeugt die Prüfung so viel Rauschen, dass sie nach drei Texten ignoriert wird.

Umkehrtest. Die beiden Hälften eines antithetischen Satzpaars vertauschen und lesen. Wirkt die Umkehrung genauso tief, hat der Satz keine Tiefe, sondern Rhythmus.

  • "Die Aufholjagd ist messbar. Der Rückstand beginnt in einer Garage." Klingt gleich gut, ergibt gleich wenig. Befund.

Vertauschtest. Das konkrete Substantiv herausnehmen und drei andere einsetzen, ausgeschrieben, nicht im Kopf. Funktioniert der Satz mit allen dreien, trägt das Wort keine Information.

  • "beginnt in einer Garage / in einer Werkshalle / an einem Küchentisch / in einem Hinterzimmer". Befund.

Indizien, die allein nicht reichen. Isokolonie (zwei Sätze gleicher Länge und Bauart), Alliteration über die Satzgrenze, agentenloses gnomisches Präsens. Deutsche Sachprosa ist über weite Strecken agentenlos, und Parallelismus ist ein legitimes Mittel. Diese drei erhärten einen Verdacht, nachdem Umkehr- oder Vertauschtest angeschlagen hat. Sie lösen keinen aus.

Behandlung. Treffer werden gemeldet, nicht still ersetzt. Es sind die Sätze, in die der Autor die meiste Arbeit gesteckt hat. Der Reparaturweg führt über den Vertauschtest: den Gegenstand einsetzen, der wirklich gemeint ist, und jemanden etwas damit tun lassen. Dann fällt die Symmetrie weg, das Substantiv wird unvertauschbar, und der Satz kann eingelöst werden, weil er auf etwas zeigt.

Gegenprobe gegen Überkorrektur. Ein Satz ist nicht deshalb schlecht, weil er wirkt. Er ist schlecht, wenn er nichts einlöst. Wenn Ebene 1, Prüfung A2 für dasselbe Element eine Einlösung findet, ist der Befund hinfällig.


Anwendung

Drei Durchläufe, nicht zwei:

  1. Inhalt und Struktur. Stimmen die Fakten, sind Quellen verlinkt, trägt jeder Absatz einen eigenen Punkt.
  2. Stil-Audit. Abschnitte 1 bis 10 von oben durchgehen. Besonders 1 (Gedankenstriche), 4 (Schwierigkeit beteuern) und 5 (Schlusssatz).
  3. Exponierte Stellen. Abschnitt 11 auf die aufgezählten Positionen anwenden. Dieser Durchlauf steht zuletzt, aber er trifft das, was am meisten Leute sehen: Titel und Teaser.